Appell zur Vertiefung von Aufgaben in einem ministeriellen Referat „Politik für Jungen, Männer und Väter“

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Köln, 25.01.2018 – Von Martin Verlinden

Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin, 

sehr geehrter Herr Schulz, sehr geehrte  Damen und Herren aus CDU, CSU und SPD,

Sie können erneut maßgeblich an der künftigen Familienpolitik auch über die anstehende Legislaturperiode hinaus mitwirken. 

Politik für Familien muss Männer, Väter und Jungen nachhaltig zum Thema machen, um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu stärken. 

 

Eine fortschrittliche Jungen-, Männer- und Väterpolitik muss hinreichend finanziell und personell ausgestattet sein.

 

‚Politik für Jungen-, Männer- und Väter’ sollte auf Bundesebene den aktuellen Bestrebungen von Jugendhilfe, Wohlfahrtsverbänden, Wissenschaft, Medien, Gewerkschaften und Arbeitgebern Impulse und Hilfen zur Vernetzung geben. 

In einer derartigen Politik stehen folgende Schwerpunkte meiner Meinung nach im Vordergrund, um nachhaltig die Chancen von Männern zu erhöhen, ihren „Rollen-Spielraum“ in der Balance zwischen Beruf, Familie und Freizeit zu erweitern:

 

  1. DIALOGE FÖRDERN

Dialoge zwischen den Geschlechtern, über Arten von Gleichberechtigung und Chancengleichheit sind frühzeitig zu fördern. Häufig werden die Begriffe „Familie“ oder „Eltern“ in der Familienpolitik verwendet, aber in der Realität sind damit „Mütter“ gemeint. Väter brauchen daher eine ausdrückliche Hervorhebung und Ansprache.

  

  1. DATENBERICHTE DIFFERENZIEREN

Jungen-, männer- und väterspezifische Daten sind zu erheben, zusammenstellen und zu interpretieren, z.B. in allen Regierungs-/Bundesberichten zu Kindheit, Jugend, Familie, Bildung, Gesundheit, Migration, Arbeitswelt, Justiz, Sport, Alter, Wohnen etc. Dadurch können politische Perspektiven überprüft und erweitert werden. 

 

  1. ORIENTIERUNG, BILDUNG und BERATUNG

Es geht hier um Untersuchungen und Angebote zu folgenden Kernthemen: Wo haben Jungen, Männer und Väter – auch Großväter und soziale Väter – diverser Milieus und Lebenslagen besonderen Orientierungsbedarf? 

Wie begegnen sie einem Kinderwunsch? Wie finden dafür spezifische Information, Bildung und Beratung für Männer und Väter effektiv statt, zum Beispiel in Kitas, Schulen, Erwerbswelt, Gesundheitswesen, Freizeit?

Öffentliche Kampagnen sind zu konzipieren und zu fördern, die flexible Geschlechtsrollen und Familienfreundlichkeit bei Jungen und Männern fördern, vgl. Kampagne fürs Vatersein „Verpass nicht die Rolle Deines Lebens“ (MFJFG NRW 1999 f)

 

  1. KOOPERATION mit ERWERBSWELT

Mit Arbeitgebern, Gewerkschaften, NGOs und öffentlicher Hand sind die diversen Möglichkeiten einer Förderung der männlichen Balance zwischen Beruf, Familie und Freizeit (! Eigenzeit, die weit mehr als Entspannung und Ehrenamt bedeutet!) zu nutzen, um typische Vereinbarkeitsprobleme von Männer zu entspannen, etwa in Elternzeit, Erziehungszeit, Großelternzeit, Migrationslagen, Pflege von Familienangehörigen oder in Ehrenämtern.

 

  1. FORSCHUNG

Forschungsförderung zu oben genannten Themen ist dringend nötig, wobei auch zu unterscheiden ist zwischen Daten und Projekten, die kinderlose Männer betreffen oder Väter oder beide. Und innerhalb der „Väter“ sind identifizierbare Zielgruppen zu unterscheiden; dazu gehören insbesondere Erstväter, Mehrfachväter, soziale Väter (in Patchworkfamilien), Großväter - im günstigen Fall sind sie in milieutypischen Profilen zu beschreiben, etwa mit Bildungs- bzw. Ost-West- oder Stadt-Land-Gefälle, Einwanderungshintergrund, erwerbslose Väter, studierende Väter, Väter mit Gesundheitsbelastungen …

 

  1. PROJEKTFÖRDERUNG

Um die aus Forschungsergebnissen abzuleitenden familienpolitischen Ziele und Empfehlungen in die Praxis umzusetzen, sind konkrete nachhaltige Projekte zur Jungen-, Männer- und Väterarbeit zu fördern. Etwa Audits zur „Väterfreundlichkeit“ in Betrieben und Versicherungen, zum Familienbild an Schulen und Jugendhilfe-Einrichtungen…

 

  1. NETZWERKE

In Netzwerken auf Bundesebene sind Dialoge mit ähnlichen männerpolitischen Referaten der Bundesländer zu etablieren. 

Nicht profitorientierte, überregionale Jungen-, Männer- und Väterinitiativen sind zu unterstützen und zu vernetzen, wie etwa im „Bundesforum Männer“.

In regelmässigen Jahreskonferenzen sind Politiker, Praktiker und Forscher zusammen zu rufen.

Ansprechpartner für Männer- und Väterbelange sind in allen Ministerien interdisziplinär zu etablieren.

 

 

Diese Aufzählung von Akzenten ist nicht vollständig und sollte mit entsprechenden Erfahrungen fortgeschrieben werden. Anstehende Aufgaben sollten nicht überwiegend von Frauen bearbeitet werden.

 

Ich hoffe, dass Sie die Dringlichkeit zur Männer- und Väterpolitik in Ihrer Partei erkannt haben. Für diesbezügliche Gespräche stehe ich gern zur Verfügung.

 

Wünsche ihnen viel Erfolg in den Koalitionsverhandlungen.

 

 

 

Martin Verlinden

 

Dipl.-Psychologe, Väterforscher,

Mitglied im

Männer-Väter-Forum Köln

und im

Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse