Geschlechtergerechte Geschlechtergerechtigkeit

Väter, die sich an uns wenden, beklagen sich immer wieder über die gleichen Themen. Abgesehen davon, dass sie sich vom Jugendamt im Stich gelassen oder durch die Mutter ausgegrenzt fühlen, prägt alle Väter ein Bedürfnis, dass hinter allem steht: sie wollen eine gleichberechtigte Hauptrolle im Leben ihrer Kinder neben der Mutter spielen. Da wird in den letzten Jahren immer wieder betont, dass die Väterrechte gestärkt werden, was auch regelmäßig durch die Presse geht. Unsere Beratung zeigt aber, dass die Gesetze und Gerichtsurteile, denen nachgesagt wird, sie hätten die Väterrechte gestärkt, nichts bewirkt haben. Nach wie vor haben die Väter, die sich an uns wenden, die gleichen Probleme.

Allem voran steht das Problem, dass Väter nach der Trennung nicht selber entscheiden können, wann, wie oft und wie lange sie ihr Kind sehen können. Wir haben im Durchschnitt 40 Neukontakte pro Monat, das sind fast 500 Neukontakte pro Jahr. Seit acht Jahren bin ich Vorstandsvorsitzender. In diesen acht Jahren haben sich rund 2.500 Väter an uns gewendet, mitunter auch die eine oder andere Mutter. Die Zeit mit dem Kind, die Umgangszeit des Kindes mit seinem Papa, wird nicht fair ausgehandelt und auch nicht an den Bedürfnissen des Kindes oder den Möglichkeiten des Vaters gemessen. Die Umgangszeit wird überwiegend daran gemessen, wie weit die Mutter bereit ist, ihr Kind "frei zu geben", so als sei es bei ihr in Gefangenschaft und sie könne den "Ausgang ihres" Kindes reglementieren. Viele Mütter schalten da komplett auf stur. Sie bestehen darauf, dass das Kind zu alt, zu jung, überfordert oder verängstigt ist, so dass ein Umgang nicht stattfinden kann. Der Vater erlebt das komplette Gegenteil. Ist das Kind bei ihm, fühlt es sich wohl und vermisst seine Mama überhaupt nicht. So ist das typische Bild bei uns im Verein.

Darüber hinaus begegnet dem Vater nach der Trennung eine ungewisse, nicht nachvollziehbare Skepsis seitens der Erzieherinnen und Lehrerinnen in Kindergarten und Schule. Es passiert Vätern, dass Lehrerinnen oder Erzieherinnen, die vorher offen mit dem Vater über alles, was die Schule oder den Kindergarten betrifft, gesprochen haben, plötzlich fremdeln. Nach der Trennung wirken sie auf einmal beklommen, unsicher und ausweichend. Der Vater möchte die Personen aber nicht beklommen und unsicher machen und vermeidet das persönliche Gespräch. Auch so geht es vielen Vätern in unserem Verein. Auf der anderen Seite wird aber nur wahrgenommen, dass der Vater sich zurück gezogen hat. Eltern von Kindern, die mit dem Kind des Vaters in die gleiche Gruppe oder die gleiche Klasse gehen, weichen ihm ebenfalls aus. Schlimmstenfalls berichten sie der Mutter der Kinder, dass der Vater "komisch" geworden ist. Diese - auch das eine typische Entwicklung bei den Vätern in unserem Verein - weist den Vater an, nicht mehr im Kindergarten oder in der Schule aufzutauchen, weil er dort nur stören würde und weist die Erzieherinnen und Lehrerinnen an, nicht mehr mit dem Vater zu sprechen. Das alles bekommt der Vater nicht mit und es wird ihm auch nichts mitgeteilt. Er empfindet nur, dass sich alle vor ihm zurück ziehen und kommt sich wie ein Störenfried vor, weiß aber nicht warum.

Noch schwieriger haben es Väter, die nicht mit der Mutter des Kindes verheiratet sind. Da hatten wir schon Fälle, wo ein Vater überhaupt erst mitbekam, dass er Vater geworden ist, weil er zur Zahlung von Kindesunterhalt aufgefordert wurde. Das ist beschämend, denn vielleicht hätte er sich auch auf das Kind gefreut, wenn er frühzeitig involviert gewesen wäre. Es ist beschämend, kommt aber in unserer Beratungspraxis regelmäßig vor. Während die Mutter bei der Geburt in jedem Fall das bedingungslose Sorgerecht erhält, ohne dass geprüft wird, ob sie damit verantwortungsvoll umgeht, wird dem Vater das alleinige Sorgerecht in jedem Fall vorenthalten und selbst das gemeinsame Sorgerecht bekommt er nur, wenn entweder die Mutter oder ein Familiengericht dem zustimmt. Die Kosten des Verfahrens am Familiengericht trägt natürlich der Vater zur Hälfte, während die Mutter das bedingungslose alleinige Sorgerecht ab Zeugung kostenlos bekommt. Ein alleiniges Sorgerecht für den Vater ab Geburt ist in Deutschland unmöglich. Ebenso sollte es für die Mutter unmöglich sein, das alleinige Sorgerecht ab Geburt zu bekommen.

Die gesamte Tragweite der Ungerechtigkeiten, mit denen Väter seit der Familienrechtsreform 1972 konfrontiert sind, würde den Rahmen einer jeden Ansprache sprengen. Jedenfalls ist es nicht so, dass in der Entstehungszeit der Emanzipationsbewegung nur Frauen benachteiligt waren. In der Familie sind seit jeher die Väter benachteiligt, Männer schlechthin in vielen anderen Bereichen ebenfalls. Die Geschlechterdiskriminierung findet seit jeher von beiden Geschlechtern aus statt. Oder kann sich jemand vorstellen, in den 1960er Jahre hätte ein Vater zur Geburt seines Kindes die Arbeit gekündigt und seiner Ehefrau erklärt, "Ab jetzt kümmere ich mich um die Kinder, geh Du arbeiten und verdiene das Geld für die Familie"?

Nun schreit alles nach Vereinbarung von Beruf und Familie. Viele Väter in unserem Verein sind Frührentner, selbstständig oder haben eine Arbeitsstelle, wo sie sich ihre Zeit relativ frei einteilen können. Zahlreiche Väter wenden sich an uns, weil sie sauer sind, dass ihr Kind in die Vollzeitbetreuung gestopft wird. Statt dessen könnte das Kind nachmittags beim Vater verbringen, wird unseren Beratern vorgetragen. Jedoch kann ein Vater nach deutscher Rechtsprechung nicht verhindern, dass das Kind in die Vollzeitbetreuung aufgenommen wird, selbst dann nicht, wenn die Eltern sich das gemeinsame Sorgerecht teilen. So wird tatsächlich bedürftigen Vätern und Müttern, die auf die Nachmittagsbetreuung angewiesen sind, der Platz in der Nachmittagsbetreuung von einem Kind weggenommen, das diesen Bedarf eigentlich gar nicht hat. Die Mutter will es so, und alle Fachkräfte bestätigen der Mutter, dass die Nachmittagsbetreuung das Beste für das Kind ist.

So lautet meine Forderung auf der Demo "Allen Kindern beide Eltern":

1. Mehr Zeit mit dem Kind,
2. Gleichberechtigter Ansprechpartner in Erziehungsfragen,
3. Bedingungsloses gemeinsames Sorgerecht ab Geburt.

Während sich in der Gesellschaft der Rollenwandel von Männern und Frauen weitestgehend etabliert hat, hinkt das Hilfesystem nach Trennung und Scheidung dieser Entwicklung hinterher. Es ist heute selbstverständlich, dass Väter die Erziehung und Pflege der Kinder und Mütter Verantwortung für die finanziellen Bedürfnisse der Familie übernehmen. Trennen sich die Eltern, werden Mutter und Vater durch Beratungsstellen, Jugendämter und Familiengerichte in alte Rollenmodelle verdrängt, die den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entsprechen. Misst man die Zufriedenheit von Vätern und Müttern nach der Trennung, so erkennt man, dass derjenige, der die Pflege und Erziehung der Kinder zugeteilt bekommt, deutlich glücklicher ist. Nach der Trennung findet eine signifikante Verschiebung der Zufriedenheit in Richtung von Müttern statt.

Aber es gibt auch Fälle, bei denen der Mutter die Verantwortung für die finanziellen Bedürfnisse der Familie aufgebürdet wird. Während in den 70er Jahren noch 12% der Alleinerziehenden männlich waren, sind dies heutzutage nur noch 5%. Der Anteil "betroffener" Mütter sinkt also. Wobei ich die Bezeichnung "betroffen" nicht gerecht finde, da Väter, die getrennt von ihren Kindern leben und Unterhalt zahlen müssen, von unserer Gesellschaft nicht als "betroffen" eingestuft werden, Mütter dagegen schon. Als "Betroffen" wird ein Vater oder eine Mutter erst angesehen, wenn er oder sie den Kontakt zu den Kindern, die beim anderen Elternteil leben, verliert. "Betroffen" sind ebenso Eltern, deren Kinder im Heim oder in einer Pflegefamilie aufwachsen.

Diesen Vätern und Müttern bietet der „Väteraufbruch für Kinder Kreisverein Köln e.V.“ Hilfen an, die es ermöglichen, den neuen, unbekannten Alltag, umgeben von Rechtsanwältinnen, Jugendamtsmitarbeiterinnen und Familienrichterinnen zu bewältigen. Dabei fallen uns in unserer Arbeit vielfältige Missstände auf. Kinder- und Jugendarbeit mit getrennten Eltern berücksichtigt oft nicht die wirklichen Bedürfnisse der betroffenen Kinder. Väter, die von ihren Kindern getrennt leben, schämen sich oft für das Unrecht, das sie empfinden, und insbesondere Väter werden nach der Trennung in der Gesellschaft nicht mehr wahrgenommen. Es dreht sich alles nur noch um die "alleinerziehende" Mutter. Der Vater wird tabuisiert.

Väter fordern auch nach der Trennung mehr Zeit mit dem Kind. Viele Väter wollen heute nicht mehr auf ihre Kinder verzichten und lehnen das Dogma, dass alle Mütter nur das tun, was den Kindern gut tut, ab. Sie wollen gleichberechtigter Ansprechpartner in Erziehungsfragen sein, sowohl für die getrennt lebende Mutter als auch für Kindergarten und Schule. Ebenso wie die Mutter haben sie ein Recht auf das bedingungslose gemeinsame Sorgerecht ab Geburt des Kindes.