Newsletter KW36/2016

Es besteht hier seit vielen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, ein großes Missverständnis in der Väterbewegung, das in anderen Bewegungen nicht auftritt. Ich mache es mal an einem (relativ willkürlich gewählten) Zitat aus einer Vätergruppe der letzten Tage fest.

„Radikalisierung ist für mich das exakte Gegenteil von Veränderung. Radikalisierung, Unnachgiebigkeit ist das Verharren auf der eigenen Position, die niemals völlig "richtig" sein kann.“

Alle politischen Bewegungen in Deutschland treten stets unnachgiebig auf, bis sie am Verhandlungstisch sitzen. Sodann ist Verhandlungsstärke, also Durchsetzungsvermögen (vorläufiges Verharren auf der eigenen Position), aber auch gleichzeitig Diplomatie und Kompromissbereitschaft erforderlich. Aus diesem Grund müssen wir differenzieren zwischen Lobbyarbeit, politischer Arbeit, persönlicher Betroffenheit, gesellschaftlicher Aufklärung und wissenschaftlicher Arbeit.

Unnachgiebigkeit und das Verharren auf der eigenen Position ist in der Lobbyarbeit und in der politischen Arbeit unabdingbar. Dies aus eigenen Kreisen als Radikalisierung zu bezeichnen, ist für sich genommen eigentlich eine Unverschämtheit und die Häufigkeit und Regelmäßigkeit, mit der Gruppen von Väteraktivisten andere Gruppen seit Beginn der Emanzipationsbewegung in die Schranken weisen, zeigt, wie die Väterbewegung ständig unterströmt und unterwandert wird, wenn sie einfach nur mal unnachgiebig auftritt. Das Ziel ist klar, die Väterbewegung soll nie erfolgreich werden. Deshalb schreibt auch die SPD, ohne dabei Scham oder Hemmungen zu empfinden: "Die antifeministische Männerrechtsbewegung wird, wenn wir in Regierungsverantwortung sein sollten, keinerlei Zugang bekommen. Wir werden dafür sorgen, dass progressive und profeministische Kräfte in der Männerpolitik gestärkt werden." Profeministische Kräfte in der Männerpolitik, alles klar. Werden dann auch promaskulistische Kräfte in der Frauenpolitik gestärkt? Natürlich nicht. Männer sollen also von Feministen beurteilt, eingeschätzt und bewertet werden. Dagegen wehre ich mich persönlich.

Antifeministen seitens der SPD grundsätzlich aus der Politik auszuschließen, ist nicht nur undemokratisch, sondern diktatorisch. Diese Haltung ist ein "Verdienst" von Thomas Gesternkamp, Martin Rosowski und Hinrich Rosenbrock. Diese stellen Männerrechtler grundsätzlich in die rechte Ecke - und dürfen sich damit nicht wundern, wenn diese dort stehen bleiben. Robert K. Merton bezeichnete eine solche selbsterfüllende Prophezeiung als Denkfehler, die eigene Rolle zu übersehen und die Ereignisse dann als Beweis für die eigene Vorhersage anzuführen.  Wenn demokratische Parteien und das Bundesforum Männer sich also erfolgreich gegen die AfD behaupten möchten, dann müssen sie sich für Männer- und Väterinteressen "radikal" öffnen.

Ich würde mir wünschen, dass der Autor des oben genannten "Radikalisierungs-Zitats" mal auf die gleiche Weise gegen den Feminismus vorgeht, indem er diesem vorwirft, sie würden radikalisieren. Früher gab es Selbstverteidigungskurse für Frauen. Heute werden die Frauen ja förmlich in die Opferrolle reingedrängt, dass es ihnen selber schon zu viel Unterdrückung, respektive zu wenig Selbstbehauptung ist. Ich glaube, Frauen und Männer machen gemeinsam drei Kreuze, wenn der Feminismus in die Geschichtsbücher eingeht, Frauenparkplätze flächendeckend zu Eltern-Kind-Parkplätzen umbenannt werden, männliche Erzieher in Kindergärten wieder Kinder wickeln dürfen und Kinder auch nach der Trennung von beiden Eltern betreut werden dürfen.

Dem Feminismus vorwerfen, sie würden radikalisieren, traut sich aber niemand - außer uns. Da wird lieber in den eigenen Reihen bekämpft, geschmäht und verurteilt, als anzuerkennen, dass der Feminismus den Männern seit der ersten Auflage der „Emma“ den Krieg erklärt hat und uns als Feinde betrachtet. Nicht wir radikalisieren, sondern die Radikalfeministen - männlich wie weiblich - radikalisieren und polemisieren gegen Männer, Väter und Jungen.

Viele gutgläubige Menschen, auch als U-Boot oder Maulwurf bezeichnet, die sich selbst aber als Väteraktivisten sehen, obwohl sie Deserteure sind, winken mit weißen Fähnchen und rufen "Friede sei mit euch". Ich verstehe nicht, wie Menschen so fühlen können. Wer einem Vater die Kinder nimmt, die Vaterrolle auf alle vierzehn Tage Wochenende zurückstuft, von ihm erwartet, dass er die Kinder dann bei Laune hält, ihnen ein Entertainment bietet, das ihren Ansprüchen genügt, oder ihn gar entfremdet, so dass die Kinder ihren Vater hassen, dem kann ich nicht zuwinken und mich freuen, dass er (sie) für die Kinder da ist. Nahezu jeder Vater, der sich an uns wendet, fühlt sich ausgebeutet und ausgegrenzt und beklagt sich darüber, dass Jugendamt und Familiengericht nichts dagegen unternehmen. Wenn dann sogar der Wert des Vaters ausschließlich an der Höhe der zumeist völlig unangemessenen Unterhaltsforderungen bemessen wird, verkommt der Vater zum Geldesel und es wird ihm jegliche Erziehungshoheit abgesprochen. Das ist ein massiver Angriff auf die Grund- und Menschenrechte von Vätern (Art. 6 GG, Art. 8 EMRK).

Einen Arbeitgeber, der willkürlich seine Mitarbeiter fristlos rauswirft, wenn ihm seine Nase nicht passt, diesen dann wieder für ein paar Stunden einsetzt, weil er ihn gerade braucht, um ihn anschließend wieder zu beschimpfen und zum Teufel zu jagen, würde jeder Gewerkschafter zurecht als "Abschaum" bezeichnen. Dafür brauchen wir weder das Grundgesetz noch die europäische Menschenrechtskonvention, sondern einfach nur unseren gesunden Menschenverstand. Und wir sollen unsere Ex-Frauen noch huldigen für ihre Entfremdung und Geldgier, sie hofieren und uns in Freundlichkeit und Verbindlichkeit üben, damit man uns nicht "Radikalisierung" vorwirft? Wir sind eine Lobby, keine Radikalen. Wir leisten Lobbyarbeit, politische Arbeit, sind persönlich betroffen, üben gesellschaftliche Aufklärung aus und fördern wissenschaftliche Arbeit. Aber stehen wir wirklich für das Motto "ALLEN Kindern beide Eltern"?

Politische Arbeit

In der politischen Arbeit sucht man Gleichgesinnte, Betroffene, Mitstreiter, Unterstützer und Förderer für ein gemeinsames Ziel. Alle, die mit machen, wären irritiert, wenn man von dem Ziel plötzlich abweichen würde oder das Ziel nicht klar definiert, sondern dieses vernebelt und undurchsichtig ist. Sobald dieses diffuse Gefühl aufkommt, springen die meisten ab und man hat nur noch wenige Sympathisanten. Politische Arbeit hat mit Politik nichts zu tun und Parlamentarier machen keine politische Arbeit. Die Parteien machen im Wahlkampf politische Arbeit. Sind sie einmal gewählt, ist die politische Arbeit beendet. Politische Arbeit ist quasi die Unnachgiebigkeit und das „Verharren auf der eigenen Position, auch wenn diese niemals völlig "richtig" sein kann“. Dennoch würde niemand den Parteien "Radikalisierung" vorwerfen.

Politische Arbeit wird gestützt von Parolen, Stimmungsmache und Emotionen, Ich erinnere mich an den Kämpfer Dietrich Wagner im Stuttgart-21 Protest, dem von einem Wasserwerfer beide Auge ausgespült wurden. Seine Unnachgiebigkeit hat ihm zum Helden und Märtyrer der Stuttgart-21 Bewegung gemacht. Ich finde keine Presse, wo der Stuttgart-21 Bewegung oder Dietrich Wagner Radikalisierung vorgeworfen wird. Man mag einwenden, dass die Stuttgart-21 Bewegung nicht erfolgreich gewesen ist, und auch das müssen wir lernen: Nichts garantiert den direkten Erfolg und keine politische Aktion sollte daran gemessen werden, ob sie einen unmittelbaren Erfolg oder gar Misserfolg gebracht hat.

Lobbyarbeit in der Politik

In der Lobbyarbeit geht es darum, sich Zugang zur Politik zu verschaffen, um eigene Ziele einzubringen. Lobbyarbeit ist Beziehungsmanagement, Kontaktpflege und Hofieren, aber keine Lobby würde die eigenen Ziele zugunsten von Kontaktpflege verraten, sondern politische Instrumente (Streik, Demo) einsetzen, um seine Lobbyisten zu unterstützen. Lobbyarbeit ist viel Fleißarbeit, weil man ständig im Dialog mit denjenigen stehen muss, bei denen man seine Lobby einbringen möchte. Eine Lobby berücksichtigt aber nicht die Interessen anderer Lobbyverbände, es ist die Aufgabe der Politiker, die Wünsche und Interessen der unterschiedlichen Gruppen miteinander zu vereinbaren, nicht die der Lobbyisten.

Der Zugang von Lobbyisten zur Politik durch politische Arbeit ist auch in der Väterbewegung möglich, so geschehen nach der Demo 2016 in Köln. Im Nachgang an die Demo (politische Arbeit) folgten Einladungen von Interessenverbänden (Lobbyisten) in den Landtag NRW, in den Bundestag und zum Bundesforum Männer. So wird Lobbyarbeit und politische Arbeit zum Team. Wer von politischer Lobbyarbeit spricht, hat den Faden verloren und nicht erkannt, dass politische Arbeit und Lobbyarbeit Hand in Hand gehen, aber keine Einheit bilden.

Daneben gibt es Lobbyarbeit in den Medien, Lobbyarbeit bei Mäzenen etc.

Völlig andere Wege gehen persönliche Betroffenheit, gesellschaftliche Aufklärung und wissenschaftliche Arbeit.

Wissenschaftliche Arbeit

Wissenschaftliche Arbeit beschäftigt sich mit Studien, Untersuchungen, Befragungen, Erhebungen und wertet diese aus. Die wissenschaftliche Arbeit stellt weder Forderungen noch postuliert sie ein Ziel. Die wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht Forschungsergebnisse.

Gesellschaftliche Aufklärung

In der gesellschaftlichen Aufklärung sollen Themen an die Gesellschaft vermittelt werden. Diese ist mit Parolen unter- und mit wissenschaftlichen Ergebnissen überfordert. Themen können wissenschaftliche Ergebnisse ebenso wie Meinungen sein. Sie müssen gesellschaftsfähig postuliert und damit verständlich formuliert sein, ohne die gewünschte Aussagekraft zu verwässern. Es ist also auch hier eine gewisse Unnachgiebigkeit gefragt, nur dass diese deutlich weicher bzw, sanfter formuliert wird als in der politischen Arbeit.

Persönliche Betroffenheit

In der persönlichen Betroffenheit ist einzig die Individualität des Einzelfalls in Relation zum gewünschten Ergebnis maßgebend. In der persönlichen Betroffenheit kann weder politische Arbeit, Lobbyarbeit, wissenschaftliche Arbeit noch gesellschaftliche Aufklärung bedient werden, denn es geht ausschließlich um das Kindeswohl, wörtlich übersetzt um die Besten Interessen des Kindes, differenziert nach den Ansprechpartnern. Diese sind Mutter, Jugendamt, Verfahrensbeteiligte, Familiengericht. Mit der Mutter sollte man stets versuchen, zu kooperieren, die Termine beim Jugendamt sind dagegen lediglich eine Pflichtveranstaltung. Wer versucht, mit dem Jugendamt zu kooperieren und die Mutter in die Pfanne zu hauen, muss das alleinige Sorgerecht oder Gewaltschutz beantragen. Beim Umgangsantrag oder gemeinsamen Sorgerecht nützt es dem Vater in der Regel nicht, mit dem Jugendamt zu kooperieren, wenn er nicht gleichzeitig zumindest versucht, mit der Mutter zu kooperieren. Im Umkehrschluss ist es nicht erforderlich, mit dem Jugendamt zu kooperieren, solange der Vater den Beweis erbringen kann, dass er mit der Mutter kooperiert. Für das Umgangsrecht ist es gleichzeitig erforderlich, die gute Bindung zum Kind in den Vordergrund zu stellen und diese substantiiert darzustellen. Pech für denjenigen, der keine Chance hatte, eine gute Bindung zum Kind aufzubauen. Dem bleibt nur, seine Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung zu belegen. Wer nicht mal das kann, hat nach deutschem Recht keine Chance, es sei denn, er ändert das Recht, wo wir wieder bei der politischen Arbeit wären, die die Lobbyarbeit – sofern vorhanden - unterstützt.

Vergleich: Nutzung und Verarbeitung von Weizen

Es ist also ein Unterschied, ob wir Weizen anbauen, Genmanipulation oder andere Forschung an Weizen vornehmen, Brötchen backen, sie verkaufen oder essen. Alles hat seine Daseinsberechtigung und alles hat mit Weizen zu tun. Wir dürfen uns nur nicht einbilden, dass wir, weil wir Brötchen essen, diese dann auch backen oder gar Weizen anbauen können. Der Agrarminister würde auch nie auf die Idee kommen, eine bestimmte Weizenkultur zu empfehlen oder von einer anderen abzuraten. Die Familienministerin tut das, sie lehnt sinnbildlich verschiedene Weizenkulturen (Modelle für Unterhalt, Umgang und Sorgerecht) ab und empfiehlt andere, und hier können wir sie packen. Das haben wir aber bisher nicht geschafft, weil sämtliche Väterverbände – um bei dem Beispiel zu bleiben – den eigenen Weizen zum Standard erheben wollen. Dabei stehen wir für das Motto „ALLEN Kindern beide Eltern“. In Analogie zum Weizen bedeutet das, dass aus jedem Weizen ein Brötchen gebacken werden darf, solange die Gesundheit des Konsumenten nicht gefährdet ist. Das Bundesverfassungsgericht stellt hohe Hürden gegen den Entzug des Elternrechts aus Art 6 I, II GG. In der richtigen Kombination aus Lobbyarbeit, politischer Arbeit, persönlicher Betroffenheit, gesellschaftlicher Aufklärung und wissenschaftlicher Arbeit werden wir diese hohen Hürden auch für Väter durchsetzen können. Solange aber jeder nur seinen „Weizen“ verkaufen will und anderen „Weizen“ schmäht, also verunglimpft oder gar verteufelt, werden wir als Lobby nicht anerkannt und wahrgenommen werden, im Gegenteil. Es wird denjenigen, die unsere Lobbyarbeit zunichtemachen wollen, mühelos gelingen, Zerstrittenheit herauf zu beschwören.

Der Väteraufbruch für Kinder Kreisverein Köln e.V. ruft wieder auf zur DEMO: "Allen Kindern beide Eltern". Versammlung ist am 01.10.2016 um 13 Uhr auf dem Friesenplatz in Köln, dort findet zunächst ein abwechlungsreiches Programm aus Musik und Kundgebungen statt. Der Aufzug läuft dann durch die Kölner Innenstadt, vorbei am Neumarkt, Breite Straße, Dom und endet am Bahnhofsvorplatz. Väter fordern mehr Zeit für ihr Kind, bedingungsloses gemeinsames Sorgerecht ab Geburt und gleichberechtigter Ansprechpartner in Erziehungsfragen.

Köln, 05.09.2016